Ich und Ich - Gerald Kaiser – Praktiker der Grinberg Methode, Wien
375
post-template-default,single,single-post,postid-375,single-format-standard,,select-theme-ver-3.7,menu-animation-underline,wpb-js-composer js-comp-ver-5.0.1,vc_responsive

Ich und Ich

Über die Freundschaft zu mir selbst

Jeder hat eine Beziehung zu sich selbst. Das hat nichts zu tun mit Schizophrenie oder Selbstverliebtheit, sondern meint einfach die Art, wie wir mit uns selbst umgehen, was wir von uns verlangen und was wir uns selbst im Laufe eines Tages alles sagen.

Auch in der Philosophie spricht man davon, dass man in seinem Leben zugleich Führer und Geführter ist. In diesem Zusammenhang kann man sich fragen, ob man einen harten, unterkühlten Führungsstil haben möchte, oder einen versöhnlichen, respektvollen, der immer auf Augenhöhe bleibt.

Anders formuliert könnte man sich auch fragen:„Bin ich mir ein guter Freund oder nicht?“

Aber was macht einen guten Freund aus?

Ein guter Freund würde nicht verlangen, dass ich weitermache wie eine Maschine, wenn ich schon komplett erschöpft bin. Er würde mein Bedürfnis nach Ruhe ernst nehmen und darauf bestehen, dass ich eine Pause mache oder einen Weg finde, weniger Belastung zu haben.

Ein guter Freund würde mir nicht sagen, dass ich ein Idiot bin, nur weil etwas nicht so funktioniert hat, wie ich es geplant hatte oder weil ich etwas vergessen habe. Er würde sagen: “Wir müssen das jetzt zwar wieder in Ordnung bringen, aber Shit happens – also mach dich nicht zusätzlich noch selbst fertig.“

Ein guter Freund würde mir aber auch nicht die ganze Zeit erzählen, wie toll ich bin und mich überhöhen. Er ist mein Freund, nicht mein Fan.

Ein guter Freund würde nicht dabei zusehen, wenn mich jemand verletzt oder meine Würde angreift. Er würde denjenigen klar stoppen und verlangen, dass er damit aufhört. Und es wäre ihm wichtig, dass ich mir eine ungerechtfertigte Kritik nicht zu sehr zu Herzen nehme.

Ein guter Freund würde mir auch Dinge sagen, die vielleicht unangenehm sind, würde sich nicht scheuen, Kritik zu üben, wenn sie notwendig ist. Aber er würde trotzdem zu mir stehen, mir trotzdem das Gefühl geben, dass ich prinzipiell in Ordnung bin. Es wäre klar, dass die Kritik nur einen kleinen Teil von mir meint, nicht mich als Gesamtes.

Ein guter Freund würde mir bzgl. meiner Herzenswünsche und Träume niemals erklären, dass ich sie gleich aufgeben kann, weil ich sowieso keine Chance habe sie umzusetzen. Er würde mich ermutigen, mir klar machen, wie wichtig es ist dass ich meinem Herzen folge und dass es für alles einen Weg gibt.

Es gibt einen einfachen Trick, zu überprüfen, wie es um die Freundschaft zu mir selbst gerade steht. Man kann sich einfach immer wieder fragen:“ Würde ich das, was ich mir gerade sage – oder die Stimmung, die ich mir selbst gegenüber gerade kreiere – einem Freund, also jemandem den ich mag und respektiere, zumuten wollen? Würde ich mit einem Freund so reden?“

Und dann noch ein paar mal tief in den Brustkorb atmen, damit mein Herz wieder aufgeht und weich und kraftvoll sein kann.

Für alle anderen und – für mich.